Aus: Jorge Juan y Antonio de Ulloa, Noticias Secretas de América (für den König in Madrid 1748, publiziert in London 1826).
Online-Publikation laut Vorlage: Serhii Kupriienko, 06.07.2008.
Online-Publikation laut Vorlage: Serhii Kupriienko, 06.07.2008.
1. Dauerkrieg zwischen Weissen und Kreolen
Weisse aus Spanien mit Adelsrechten und Kreolen ohne Adelsrechte, die von Sklaven abstammen.
[1] In Städten mit grosser Bevölkerung erscheinen Spanier und Kreolen als dauernd verfeindete Gruppen. Aus kleinsten Anlässen entstehen Hass, Rache und Unruhen.
[2] Schon die Herkunft genügt laut Vorlage als Feindmarkierung: Europäer stellen sich gegen Kreolen, und Kreolen hassen Europäer. Aus Abneigung wächst eine dauernde geistige Erregung.
[3] Die Städte werden als öffentliches Theater dieser Feindschaft beschrieben. Nur wenige angesehene Würdenträger sollen laut Text nicht von dieser „Krankheit“ befallen sein.
[4] Besonders in Bergstädten und Bergdörfern seien die Konflikte scharf. Dort werde Parteilichkeit zum Hauptthema des gesellschaftlichen Lebens.
[5] Der Text kündigt eine Analyse dieses Dauerkriegs und möglicher Gegenstrategien an.
2. Die Prinzipien des Dauerkriegs
Adelsrechte, Eitelkeit, Neid und Konkurrenz.
[6] Als Hauptursachen werden übersteigerte Eitelkeit der Kreolen und die soziale Lage der neu ankommenden Europäer genannt. Aufstiege von Europäern würden Neid und Intrigen auslösen.
[7] Neuankömmlinge würden in Familien und Netzwerke eingeführt, während zugleich familiäre Schwächen und interne Spannungen offengelegt würden. Daraus entstünden dauerhafte Konfliktlinien.
[8] Kreolen werden im Text als sorglos und konsumorientiert geschildert; Europäer dagegen als jene, die Handel und Vermögen aufbauen und dadurch wiederum Neid provozieren.
[9] Erfolgreiche Europäer gewinnen Ansehen bei Gouverneuren und Ministern, übernehmen Vermögen und steigen sozial auf. Laut Text verschärft dies den Hass der Kreolen.
[10] Selbst innerhalb von Familien setze sich der Konflikt fort: Kinder würden jeweils gegen die andere Herkunftsgruppe beeinflusst.
[11] Kreolen suchten Eheverbindungen mit Weissen, lehnten jedoch Regierungen durch aus ihrer Sicht unqualifizierte Weisse ab.
[12] Weisssein und europäische Herkunft erscheinen in der Vorlage als eigenes Aufstiegskapital – oft wichtiger als Fähigkeit oder Ausbildung.
[13] Reagieren Kreolen mit Wut, folgen Beschimpfungen und Demütigungen; die Weissen antworten mit Gegenangriffen über Herkunft und Familienverhältnisse.
[14] Ergebnis sei ein Zustand ständiger Sorgen, Intrigen, Unruhe und Parteinahme.
[15–16] Der Text verbindet diese Konflikte zudem mit Verfall von Handwerk, Kunstschaffen und einer Auswanderungsbewegung aus Spanien nach Westindien.
3. Ideen für Massnahmen zum Ausgleich
[17] Einwanderer ohne königliche Erlaubnis oder ohne Anstellung sollten in Westindien nicht als adlig gelten und keine Ehrenämter bekleiden dürfen.
[18] Handel sollte nur qualifizierten Europäern offenstehen. Dadurch würde Auswanderung sinken und die Qualität der Einwanderer steigen.
[19] Bürgermeister müssten jährlich neu bestätigt werden, um familiäre Machtkartelle zu durchbrechen.
[20] Minister und Amtsträger sollen die Verhältnisse in Peru kennen und klare Ämterverbote für unqualifizierte Bürger ohne Titel durchsetzen.
[21] Stimmenkauf und manipulierte Schöffenwahlen werden als zentrales Problem beschrieben.
[22] Als übergeordnete Gegenstrategie erscheint erneut: Einwanderung reduzieren und so die Parteilichkeit abschwächen.
4. Manöver von Weissen und Kreolen, um ihren Stand zu verbessern
[23] Im Hochland dominierten Europäer den Handel, während Kreolen in Häfen und in Lima stärker präsent seien. Wer reich werden wolle, brauche Schutz, Beziehungen oder Heirat.
[24] Bürgermeisterwahlen erscheinen als von Hetze, Propaganda und gegenseitigen Familienfehden durchzogen.
[25] Der Wahlkampf münde meist in Drohungen, Beschwerden und Demütigungen – nur selten in offenen Waffengebrauch.
5. Europäer gegen Kreolen in Kirchen
[26] Der Dauerkrieg setze sich laut Text in den kirchlichen Gemeinschaften fort. Wo Europäer und Kreolen gemischt seien, entstünden erneut zwei Lager.
[27] Selbst in gelehrten Orden gelinge Frieden nicht dauerhaft. Europäer würden die Eignung der Kreolen für Ämter infrage stellen; Kreolen antworteten mit Vorwürfen von Unterdrückung.
[28] In weniger klugen oder weniger geordneten kirchlichen Zusammenhängen werde der Konflikt noch heftiger und ende oft erst mit finanzieller oder institutioneller Erschöpfung.
[29] Daraus folgert die Vorlage, dass Regierende Erfahrung, Distanz und Besonnenheit brauchen, um die städtischen Konflikte zu zügeln.
6. Gerichte und Gerichtsentscheidungen
[30] Richter und Statthalter müssten mit grösster Sorgfalt ausgewählt werden. Unerfahrene oder parteiische Männer verschärften die Konflikte, statt sie zu ordnen.
[31] Die Vorlage erinnert an Fälle in Lima, in denen selbst schwer belastete Funktionsträger nicht wirksam bestraft wurden.
7. Fall: Wenn Stadtregierungen aus Kriminellen bestehen
[32] Sind Regierende selbst korrupt oder parteiisch, verwandle sich die Stadt in einen Kriegsschauplatz. Schlechte Vorbilder zögen weiteres Fehlverhalten nach sich.
8. Fall: Wenn 2 Kreolen oder 2 Europäer leitende Posten haben
[33] Laut Text sei die problematischste Konstellation jene, in der beide Spitzenämter einer Provinz an Kreolen fielen; zwei Europäer würden sich hingegen eher gegenseitig mässigen.
9. Fall: Weltliche Regierung aus Europäern, kirchliche aus Kreolen
[34] Diese Mischform könne zeitweise stabiler sein, doch innere Kämpfe um Kirchenposten, Patronate und Zuständigkeiten würden die alten Feindschaften schnell neu entfachen.
10. Neue religiöse Abspaltungen provozieren neues „Durcheinander“
[35] Neue religiöse Richtungen erscheinen in der Vorlage als weitere Propagandaorganisationen, die Spaltungen vertiefen und den Respekt vor Richtern und Ordnungen untergraben.
11. „Christliche“ und „freie“ Gebiete
[36] Der Text kontrastiert christlich beherrschte Gebiete mit freien Territorien, in denen Ureinwohner ohne Tribute und ohne Unterordnung unter die koloniale Obrigkeit lebten.
[37] Koloniale Kriege erzeugten bei diesen freien Gemeinschaften Traumata, Verwüstungen und historische Fabelbildungen.
[38] In freien Gebieten gelten lokale Autoritäten nur solange, wie sie akzeptiert werden; missbrauchte Macht könne dort zum offenen Widerstand führen.
12. Das Leben in den Städten: Kriminalität bei Weissen und Kreolen
[39] Vögte, Bürgermeister und andere lokale Autoritäten würden Konflikte oft scheuen oder delegieren. Nur selten griffen sie entschlossen ein.
[40–41] Geschildert wird ein Fall einer Fehde zwischen Kreolen und Europäern, die in Verwundungen, nächtlichen Verfolgungen und einer halbherzigen Verhaftungsaktion endete.
13. Gerichtsfälle in den Städten
[42] Selbst königliche Forderungen wie Tribute seien oft kaum eintreibbar, weil lokale Richter und Vögte ohne wirkliche Durchsetzungsmacht blieben.
[43] In Lima scheiterte eine Kriegsanleihe gegen England teilweise am Widerstand der Bevölkerung, obwohl Händler und Bürger unter Druck gesetzt wurden.
[44] Ähnlich verlief die verlangte Spende für den neuen Königspalast in Madrid: Manche zahlten, andere nur teilweise, viele gar nicht.
14. Fälle mit Rebellion, Willkür und schwacher Justiz
[45] Manche Städte seien besonders anfällig für Aufstände und Rebellionen gegen die Justiz. Richtersprüche verlören dort schnell ihre Wirkung.
[46] Ursache sei nicht nur Mentalität, sondern auch Struktur: riesige Distanzen, knappe Ressourcen und fehlende Truppen schwächten jede Durchsetzung.
[47] Die Vorlage plädiert deshalb für reife, wenig habgierige Gouverneure, die nur bei hartnäckigen Schwerverbrechern entschlossen strafen.
[48] Wenn Regierungen selbst kriminell oder parteiisch auftreten, verlieren Ordnung und Gesetz in den Augen der Bevölkerung jeden Wert.
15. Kriminelle Regierungen werden von den Bevölkerungen kopiert
[49] Regierung und Volk spiegeln sich laut Text gegenseitig. In der Ferne zu Madrid verliere die königliche Autorität ihre Vorbildkraft.
[50] Ungehorsam gegen Gesetze entstehe teilweise aus dem schlechten Vorbild der Regierenden selbst – bis hin zu Vizekönigen, die spanische Anordnungen aussetzten.
[51] Besonders scharf greift die Vorlage religiöse Führer an: Sie missbrauchten Macht, bedrängten Justiz und befreiten mitunter sogar Gefangene.
[52] Der Schlusspunkt ist pessimistisch: Die Maschinerie von Missbräuchen sei kaum ausrottbar. Man könne höchstens gute, unparteiische Statthalter wählen und Kriminalität begrenzen.